Offener Brief von Christen zur heroingestützten Therapie in Deutschland

initiiert und getragen von bekennenden Mitgliedern der Evangelischen und Katholischen Kirche in Deutschland von Mitarbeitern der Kirche und deren Diakonie unterstützt von weiteren engagierten Personen und Hilfsverbänden aus Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden


Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken:
ich bin hungrig gewesen,
und ihr habt mir nicht zu essen gegeben.
Ich bin durstig gewesen,
und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben.
Ich bin ein Fremder gewesen,
und ihr habt mich nicht aufgenommen.
Ich bin krank und im Gefängnis gewesen,
und ihr habt mich nicht besucht.
-Matthäus 25-

Ich bin heroinabhängig gewesen, und ihr...?


Das unbeirrbare Betreiben, eine heroingestützte Therapie für Opiatabhängige in Deutschland zu unterbinden, nehmen wir mit wachsendem Entsetzen zur Kenntnis. Das geradezu aggressive Engagement, mit dem hier ausgegrenzten und hilfesuchenden Menschen eine Möglichkeit verwehrt werden soll, unter menschenwürdigen Bedingungen zu überleben, steht im eklatanten Widerspruch zu dem allgemeinen Anspruch politischer Entscheidungsträger, ein christliches Menschenbild zu vertreten.

Ausdrücklich hat das bundesdeutsche Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger in seinem zweiten Studienbericht empfohlen, diese Behandlungsform in die Regelversorgung Heroinabhängiger aufzunehmen“. Zur Begründung heißt es dort, dass diese Form der Behandlung sich als langfristig ausgesprochen erfolgreiche Therapie schwerstabhängiger Heroinkonsumenten erweist. Positive Effekte waren bei den Teilnehmenden dieses Modellprojektes unter anderen:

Die Ablehnung, diese Therapiemöglichkeit gesetzlich zu regeln und weiterzuführen, halten wir nicht nur gesundheitspolitisch für eine Katastrophe. Diese Ablehnung belegt, dass die Grundnorm Menschenrecht“ in der Drogenpolitik bedeutungslos ist.

Ein weiterer positiver Aspekt der heroingestützten Behandlung besteht darin, dass damit auch die Kriminalitätsrate gesenkt werden kann. Gerade Politiker, die sonst als Vertreter einer offensiven Sicherheitspolitik auftreten, blockieren hier bewusst eine wichtige Chance, die Sicherheitslage für die Gesamtbevölkerung zu erhöhen. Mit der Ablehnung der heroingestützten Behandlung wird auch eine erhöhte Kriminalitätsrate in Kauf genommen. Gegen eigene Rhetorik wird hier von der Politik Kriminalität gefördert, statt diese zu reduzieren.

Der Widerspruch gegen die Weiterführung der Heroinvergabe kommt nun ausgerechnet in dem Moment, in dem in der Schweiz weitere wissenschaftliche Studien veröffentlicht werden. Diese belegt, dass die Zahl der Heroinneueinsteiger mit Einführung der liberalen Drogenpolitik in der Schweiz drastisch gesunken ist. Mit der medizinischen Verschreibung verlor Heroin viel von seinem einstigen rebellischen Reiz. Drogenabhängigkeit wird im allgemeinen Bewusstsein als Krankheit verstanden, die Therapie verlangt. Damit gewann das Heroinprogramm eine überraschende präventive Dimension.

Von Seiten der Gegner einer heroingestützten Behandlung wird vor allem die Kostenfrage ins Spiel gebracht. Abgesehen davon, dass Menschenwürde und Überleben keine ökonomisch verrechenbare Werte sind – wie ehrlich meint Politik hier eigentlich ihren Ruf nach einer Wertedebatte? - , so belegt die langjährige Schweizer Erfahrung, dass nicht allein menschlich, sondern auch wirtschaftlich die Heroinbehandlung einen Gewinn bringt. So belegt der Abschlußbericht zum Schweizer Versuch einer medizinischen Heroinvergabe: Die Studie zur gesamtwirtschaftlichen Bewertung des Versuchs im Sinne einer Kosten-Nutzen-Analyse errechnet aufgrund detailliert angegebener Berechnungsgrundlagen, dass pro Patiententag ein volkswirtschaftlicher Gesamtnutzen von Fr. 96.- entsteht (der größte. Teil entfällt auf Einsparungen bei Strafuntersuchungen und bei Gefängnisaufenthalten, in zweiter Linie auf die Verbesserung des Gesundheitszustandes). Nach Abzug der erwähnten Kosten ergibt sich ein volkswirtschaftlicher Netto-Nutzen von Fr. 45.- pro. Patiententag.“ Wenn zur Zeit in Deutschland die Kosten für eine heroingestützte Behandlung zu hoch sind, sollte sich die Politik vielleicht mal ernsthaft Gedanken machen, woran das liegt. Wenn Politiker nicht willens sind, an dieser Stelle ihre Arbeit gut und richtig zu erledigen, sollten sie dafür nicht ausgerechnet die Schwächsten in der Kette bestrafen.

Bleibt noch das Argument, dass nicht eine heroingestützte Therapie, sondern ausschließlich Abstinenz Ziel gesundheitspolitischen Handelns sein sollte. Abstinenz ist ein hoher Wert; ohne Frage. Aber eine demokratische Gesellschaft nimmt ernst, dass die Realität nicht unbedingt den eigenen hohen Idealen entspricht, sondern Konflikte, Probleme und Unvollkommenheiten zu unserer Welt dazugehören. Eine demokratische Gesellschaft lernt, mit dieser Wirklichkeit in einer menschlichen Weise umzugehen. In der aktuellen Debatte wird die Abstinenz zu oft zu einer wirklichkeitsfernen Ideologie degradiert. Vom christlichen Glauben ausgesehen, wird hier Abstinenz zu einem Götzen gemacht, für den man bereit ist, Menschenleben zu opfern.

Als ein Aussätziger zu Jesus kommt, wird dieser von Jesus – berührt! Jesus schenkt ihm Zuneigung und Hilfe.
Ebenso handelt Jesus mit Zöllnern, mit Samaritern und auch mit der Frau, die gesteinigt werden soll.

Wir wollen, dass die Menschen unter uns, die aus welchen Gründen auch immer opiatabhängig geworden sind, jede mögliche Hilfe bekommen. Die Ablehnung der heroingestützten Therapie bewerten wir als eine bewusste unterlassene Hilfeleistung.

Wir appellieren an Ihr Gewissen, diese Behandlungsform entsprechend der Empfehlung des Studienberichtes des deutschen Modellversuches doch noch als Regelversorgung für Heroinabhängige zuzulassen.

30. Januar 2007

Kontakt:
Pfarrer Michael Kleim
Talstr. 30
07545 Gera

 

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Pfarrer Michael Kleim
Jugendseelsorger
Talstr. 30
07545 Gera

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Diakonie Drogenkontaktstelle
Pfarrgasse 17
04626 Schmölln

Gunter Starke
Diakonie Streetwork
Topfmarkt 1
04600 Altenburg

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Krankenhaus-Seelsorge in Celle

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Walther Rathenaustr. 19
39167 Niederndodeleben.

Andreas Hans Heimler
Jugendsozialarbeit
Gotha

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Wunstorfer Landstr. 50A;
30453 Hannover.

Elisabet Mester
Anna-von-Borries-Str. 5,
30625 Hannover

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31028 Gronau/L.

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HIV/AIDS-Seelsorge in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
Archivstraße 3,
30169 Hannover

Petrus Ceelen
Seelsorger für Menschen am Rand
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71732 Tamm

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30625 Hannover

Pastor Henning Buchhagen
Seelsorge in der JVA
Salinenmoor 6
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Prof. Dr. Heino Stöver
Universität Bremen
Fachbereich 11 (BA Public Health)
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07551 GERA

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